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Über die die Notwendigkeit der kollektiven Idschtihad

Mokhtar

D / Mukhtar Mohamed Juma
Minister Awqaf

Unsere islamische Gemeinde leidet unter den absurden Fetwas und Meinungen. Inkompetente Scheingelehrte  und Nichtfachleute, die sich ausschließlich für Ruf, Berühmtheit und Ansehen interessieren, suchen fiberhaft nach absurden und ungewöhnlichen Meinungen, damit sie die Menschen zu sich anziehen und damit sie ihrem eigenen Interesse und ihren Organisationen dienen.

Heutzutage begegnen wir einer neuen komplexen Situation, wo sich viele Fragen ineinander verflechten. Einige dieser neuen Fragen stehen nicht im Einklang mit früheren Fetwas und den Meinungen früherer Gelehrten. Denn diese erteilten ihre Fetwas gemäß dem Geist ihrer Zeit und ihres Ortes. Nichtfachleute und Scheingelehrte verstehen jedoch nicht den Bezugsrahmen dieser Fetwas und die Bedingungen, von denen diese Fetwas abhängig sind (al-manāṭ). Sie beziehen die alten Meinungen auf unser Leben, ohne den neuen Kontext und die heutigen Bedingungen genau zu kennen und zu untersuchen. Sie sind darüber hinaus mit den Voraussetzungen des Analogieschlusses nicht im Klaren. Aus diesem Grunde scheint heutzutage der kollektive Idschtihad (al-iğtihād al-ğmāʿī) eine Notwendigkeit zu sein, im Sinne dass die Geehrten gemeinsam im Rahmen der islamischen Rechtstheorie Normen durch eigenständige Urteilsbemühung finden.

Vor diesem Hintergrund kam der Ruf des Großscheiches der Al-Azhar Prof. Dr. Aḥmad aṭ-Ṭaiyib zum kollektiven Idschtihad (al-iğtihād al-ğmāʿī) in seinem Beitrag „Ansicht der Imame und Gelehrten zur Erneuerung des islamischen Diskurses und zur Aufhebung des terroristischen Denkens“ bei der Eröffnung der von dem Höchsten Rat für Islamische Angelegenheiten organisierten Konferenz.

Beim kollektiven Idschtihad geht es darum, dass Gelehrte, die sich für Probleme und Herausforderungen der islamischen Gemeinde interessieren, aus der ganzen Welt eingeladen werden, um aktuelle akute Fragen zu diskutieren. Dazu gehören Fragen des Terrors und der Begriffsbestimmung von „Haus des Islam“, aber auch wie man das Problem bekämpft, dass sich einige (Muslime) Gewaltgruppen anschließen, Gewalt gegen die Gesellschaft treiben und sie hassen, sich selbst erlauben, andere Bürger zu töten und bombardieren. Auch folgende Themen sollten beim kollektiven Idschtihad zur Diskussion gestellt werden: Menschenrechte, menschliche Freiheit, soziale Fragen vor allem über Frauen, astronomische Festlegung des Beginnes der neuen Monaten im Mondkalender, Fragen der Pilgerfahrt vor allem der Zustand der Weihe in der Pilgerfahrt in Mekka (iḥrām) aus dem Ort Dschidda per Luft oder Land, die rechtlichen Bestimmungen bezüglich der zeitlichen Regelungen für das Steinenwerfen während der Pilgerfahrt und viele andere Fragen, die unmittelbar mit dem Schutz der Heimat, den Interessen und Bedürfnissen der Menschen in ihrer Zeit und Umgebung zu tun haben. Die Gelehrten sollten auch Fetwas erteilen, die die Arbeit als Pflicht machen und die Vernachlässigung und Faulheit verbieten. Man darf aber bei diesen heiklen Fragen  nicht verallgemeinern und pauschalisieren, sodass nichts vor Ort und in Wirklichkeit ändert.

Der kollektive Idschtihad wird ohnehin sehr dazu beitragen, die absurden Meinungen zu und die Gründe für Terror beseitigen. Die Konferenz, die vom Höchsten Rat für Islamische Angelegenheiten organisiert wurde, fasste die Gründe des Terrors und der absurden Meinungen folgendermaßen zusammen:

  • Verschlossenheit, Stagnation, blinde Nachahmung, Missverstehen bzw. das buchstäbliche Verstehen der Texte, Nichtberücksichtigung der Zielsetzungen der Scharia, das Nichtverstehen der allgemeinen Regeln der islamischen Gesetzgebung und das Beschäftigen der Nichtfachleute mit islamischen Angelegenheiten.
  • Viele Gruppen und Organisationen nehmen die Religion als Handel und nützen sie aus, um politische und parteiische Interessen zu vertreten und gewinnen, indem sie ihr Interesse vor denen der Heimat und des Staates bevorzugten. Auch die formelle und politische Religiosität spielt dabei insofern eine Rolle, als sie die aufrichtige Religiosität, die eigentlich ausschließlich für Gott sein sollte, ersetzte.
  • Kolonialmächten ist es gelungen, Anhänger für sie aus arabisch-islamischen Ländern zu manipulieren und zu gewinnen, sei es durch gegenseitige Interessen, unwahre Versprechen für einige Gruppierungen oder durch das sogenannte Kaufen von Loyalitäten.

Schließlich führt der kollektive Idschtihad zur Annäherung zwischen Gelehrten und beseitigt viele Gründe der Trennung und Zwietracht zwischen ihnen sowie die absurden, von der Norm abweichenden, irregehenden und terroristischen Gedanken.

Formale und politische Religiosität

أ.د/ محمد مختار جمعة وزير الأوقاف

D / Mukhtar Mohamed Juma Minister Awqaf

Das Phänomen der formalen und politischen Religiosität gilt als gefährliche Herausforderung vor den arabisch-islamischen Gesellschaften. Was die formale Religiosität betrifft, so konzentrieren sich die Leute dabei auf die Form und das Aussehen auf Kosten des Gehaltes und Inhaltes. Sie schenken dem formalen Aussehen die erste absolute Priorität, wobei sie die menschliche und moralische Ebene vernachlässigen. Sie verlieren in diesem Sinne das treffliche Vorbild, indem ihr Aussehen mit den Lehren des Islam nicht übereinstimmt. Dadurch schrecken sie die Menschen von der wahren Religion ab.

Die Sache wird so gefährlich, wenn die formale Religiosität nicht mit dem guten Handeln im Einklang steht, indem man beispielsweise lügt, betrügt, täuscht oder andere manipuliert. Durch solches Verhalten wird man gemäß einer prophetischen Überlieferung zu Heuchlern gehören: „Die Kennzeichen eines Heuchlers sind drei: Wenn er spricht, lügt er, wenn er etwas verspricht, bricht er sein Versprechen, wenn man ihm etwas anvertraut, verhält er sich untreu.“ (Überliefert bei al-Buḫārī)

Es ist auch ein Problem, wenn man die Religion auf die Gottesanbetung beschränkt und die Religion nicht richtig versteht, indem man andere zu schnell mit Unglauben bezichtigt und gegen die Menschen kämpft. Dies geschah in der Frühphase des Islames mit den Kharidschiten. Diese waren in Bezug auf die Gottesanbetung sehr bemüht, zeichneten sich jedoch nicht mit genügendem rechtlichem Wissen. Hätten sie sich das Wissen zuerst angeeignet, dann hätte es sie daran gehindert, andere Menschen zu töten, so Imam aš-Šahfiʿī. Der Islam ist eine Religion der Barmherzigkeit und alles, was von dieser Barmherzigkeit ablenkt, lenkt vom Islam auch ab. Im Islam geht es einfach um das Verhalten und nicht um das Sagen. Eine arabische Weisheit sagt: Das Handeln einer Person kann tausend Menschen effektiver beeinflussen, als dass tausend Leute eine Person predigen.

Wir müssen in diesem Zusammenhang davon ausgehen, dass der Sinn der Gottesanbetung darin liegt, den Charakter und die Moral zu verfeinern. So gilt das Gebet als Mittel, das von schändlichen und abscheulichen Dingen abhält:

„… und verrichte das Gebet. Wahrlich, das Gebet hält von schändlichen und abscheulichen Dingen ab; und Allahs zu gedenken, ist gewiss das Höchste. Und Allah weiß, was ihr begeht.“ (Koran, Sure al-ʿAnkabūt 29:45)

Auch das Fasten dient zur Gottesfurcht und deshalb hat das Fasten keinen Sinn, wenn es den Fastenden an der Lüge und Falschheit nicht hindert. Vor diesem Hintergrund sagt der Prophet Muhammad (Friede und Segen auf ihm): „Wer das Lügen und schlechte Taten nicht unterlässt, von dem braucht Gott nicht, dass er auf sein Essen und Trinken verzichtet!“ (Überliefert bei al-Buḫārī). Auch die Spenden und die soziale Abgabe (Zakā) akzeptiert Gott nur aus dem guten und reinen Geld. In einer prophetischen Überlieferung heißt es: „Gott ist gut und akzeptiert nur das, was Gutes ist“ und „Kein Gebet wird ohne Reinigung und keine Spende wird aus Täuschen angenommen“ (Beide bei Muslim überliefert). Dies bezieht sich auch auf die Pilgerfahrt, denn sie wird erst von Gott akzeptiert, wenn diese von guter Moral begleitet ist. Deshalb sagt der Prophet Muhammad (Friede und Segen auf ihm): „Man reist für lange Zeit und macht sich dabei die Mühe. Er hebt seine Hände zum Himmel und ruft Gott „o meine Herr, o meine Herr“, wobei man sein Essen, sein Trinken und seine Kleidung auf verbotenen Wegen erwarb und er sich durch Verbotenes ernähren lässt. Wie kann dann von dieser Person (Bittgebete) erhört werden.“ (Überliefert bei Muslim)

Noch gefährlicher als die formale Religiosität ist die politische Religiosität. Wir meinen damit diejenigen, die die Religion als Mittel nehmen um politische und strategische Ziele zu erreichen. Diese spielen mit den Gefühlen der einfachen Leute, damit sie auf der Macht kommen. Wir können bestimmt die Absichten der Menschen nicht beurteilen, weil dies eine Angelegenheit zwischen dem Menschen und seinem Herrn. Wir haben jedoch diese Erfahrung mit der Muslimbruderschaft erlebt, wo die Islamisten ihre eigenen Ziele hatten. Wir haben zwei Dinge hier zu unterstreichen. Erstens ging es bei diesen Leuten nicht um die Religion, sondern um Macht und Politik. Dieses Verhalten hat das Islambild bei vielen Menschen beeinträchtigt. Zweitens haben die Islamisten durch dieses Verhalten die Religion und deren tolerante und kulturelle Rolle missbraucht und gezeigt, dass sie keine Fachleute im politischen Sinne sind und dass sie nicht in der Lage sind zu regieren. Durch einige ungeschickte Entscheidungen und Maßnahmen wurde auf Erde Unheil gestiftet. Dies steht im Widerspruch zur Loyalität und Liebe zur Heimat. Deshalb sind wir der Überzeugung, dass diese Gruppierungen ihren eigenen Zielen auf Kosten ihrer Religion, Heimat und muslimischen Gemeinde dienen.